Keimfreiheit

Steriles Essen, vorhersagbare Charaktere

Sagrotan im Kopf und auf dem Teller

Frauen an der gesellschaftlichen Schaltzentrale

Teil II. Hier geht´s zum Teil I, Essensneurosen

So sind viele Dinge tabu geworden. Leber und Zunge werden auch nur noch ausgehalten, wenn gut in der Wurst versteckt. Wer das Bild eines rohen, blutigen Fleischkloßes, einer "blutigen" Wurst oder gar einen Eimer voller Blut - oh Graus! - vor Augen hat, der kriegt zuviel, wenn das auch noch gegessen werden sollte. Dabei ist doch klar, dass auch die Wienerle oder die Salami, das Steak, nicht ohne Blut zu haben sind. Aber das wird verdrängt, man will´s nicht wissen.

Frauen, die naturgemäß am ehesten mit Blut zu tun haben und an der Schaltstelle der Entwicklung stehen, da sie die Folgegenerationen erziehen, zeigen sich besonders empfindlich. Nein, mit Blut wollen sie nichts zu tun haben.
Bei Männern ist das traditonell etwas anderes: "Bis zum letzten Tropfen", "Blut und Ehre", "Blutsbrüderschaft" (nicht aber -schwesternschaft") usw. - das sind anscheinend "männliche" Qualitäten. Nicht zum Aushalten
In dem Maße nun wie die Sterilität der Gesellschaft voranschreitet, kindliches Interesse am "Dreck" unterdrückt, Händewaschterror und Sagrotanverbrauch wachsen, die Charaktere glatter, das Verhalten zweck besserer Verwertbarkeit im Arbeitsleben vorhersagbarer und konformer wird, in dem Maße ändern sich auch die Speisen in just derselben Richtung. Man, frau, erinnere sich an die Sagrotan-Fernsehwerbung vor zehn, fünfzehn Jahren, wo dafür geworben wurde, Kinderspielzeug, vielleicht gleich das ganze Kinderzimmer, mit den Gören am besten gleich noch obenauf, mit dem Desinfektionsmittel einzunebeln. Das bewirkte seinerzeit einigen Aufstand in der Öffentlichkeit und verschwand, aber auch heute noch wird mit sagrotanhaltigen Seifen u.a. Mitteln im Haushalt geworben, die nur eins bewirken: Die Entwicklung von Keimresistenzen und Allergien sowie die Verseuchung des Trinkwasses.
Ähnlich die Manie mit den Intimsprays anfang der Siebziger. Die verschwanden mit Erscheinen kritischer Berichte über negative Nebenwirkungen. denn neben der "Sauberheit" ist dem modernen Putzteufel nichts heiliger als die Gesundheit. Verkauft werden sie aber immer noch, so dass man sich fragen könnte, wie manche Zeitgenossinnen es überhaupt bis zur Vermehrung schaffen. Immerhin ist es der hiesigen Hausfrau gelungen, die Toiletten zum saubersten Ort im Heim zu verwandeln. Der dreckigste ist bei weitem erstaunlicherweise der Kühlschrank, der zwar sauber aussieht, es aber "in sich hat". Dreckigstes Objekt: Das Schwammtuch an der Spüle, aber nirgendwo sind die Leute trotz all der entsetzlichen Bakterien haufenweise an dem einen oder andern verstorben. Wir sterben an Chemikalien, bei denen seltsamerweise kein Ekel besteht.

Steife Hamburger und urige Bayern

Dass dabei auch noch ein Nord-Süd-Gefälle, also von den eher protestantisch beeinflussten Ländern zu den katholischen besteht, ist ein weiterer spannender Gesichtspunkt, denn er bedeutet, dass die Ekelgrenzen unterschiedlich sind und damit die "Sauberkeit", Lieblingstummelplatz der deutschen Hausfrau und immer wiederkehrendes Thema beim Bild von Ausländern über uns. Der Unterschied in Deutschland ist fast eingeebnet, bedingt durch die Industrialisierung, die mehr oder weniger alle Regionen erfasste und ferner durch die Folgen des Zweiten Welkriegs, die alle möglichten Bevölkerungsteile durcheinanderwirbelte. Aber es gibt sie. Bis heute erschallen bei einem Nieser im Süden laute Rufe "Gesundheit!" aus allen Richtungen, während das bei den Nordlichtern stillschweigen übergangen wird, das als peinlich empfunden. Dagegen wäre der Nicht-Gesundheitsrufer im Süden der Böse, von dem sich vermuten ließe, dass er dem anderen insgeheim die Pest an den Hals wünscht.

Als erstes nennen Ausländer immer wieder die "Sauberkeit" als markantes Merkmal, in Wirklichkeit also das Gegenteil: Die Angst vor "Dreck". Das bedeutet auch, das die meisten Ausländer anders sind, denn wie könnten sie andernfalls diesen Charakterzug als auffallend benennen? Schweizer sicherlich ausgenommen, aber die spielen wegen der geringen Bevölkerung keine Rolle im allgemeinen Bewusstsein.
Die Hausfrau "liebt" nicht die Sauberkeit - warum sollte irgend jemand auf der Welt das tun? - sondern es ist die Angst vor "Dreck", die sie bis ins Mark erschüttert. Da stecken die tiefen Gefühle. Der Dreck muss weg. Die Deutschen sind das dreckfürchtigste Volk der Welt. Das unterscheidet uns in der weiten, bunten Völkerlandschaft von allen anderen.
Auch in unserem Bewusstsein ist der erwähnte Nord-Süd-Unterschied vorhanden, hält man im Süden die Nordlichter doch für steril, kühl und zurückhaltend, wenig gesellig und lebenslustig, was sie auch sind. 

Interessant ist auch, wozu Ekel dient: Er ist der Schutz vor - verbotenem - Interesse. Dass "Dreck" und Geld, der Schmierstoff unserer Gesellschaft auch noch eins sind, ist eine weitere Geschichte, die hier leider nicht ausgewalzt werden kann, aber seit rund 120 Jahren bekannt ist. Kleiner Hinweis: Alle reichen Länder auf der Welt sind traditionell "sauber" und meist protestantisch geprägt.
Das Geschilderte berührt ein weiteres interessantes Thema, nämlich die Frage nach dem Nationalcharakter. Wenn Sauberkeit ein allgemeiner Wesenszug "der" Deutschen ist, der allen Völkern auffällt, und der offenbar ja nur gesellschaftlich in der Erziehung durch die Mütter erzeugt werden kann, wie sieht die Geschichte in anderen Länder, beispielsweise im "dreckigen" Mittelmeerraum aus? Woher rührt das Hopsige, das Gestikulieren, die Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit, gleichzeitig aber auch die Wärme, die Gastfreundschaft u.a. Eigenschaften, die wir an den Südländern schätzen usw.? Wie funktioniert das alles?
Spannend, nur will niemand davon etwas wissen. Wie sagte jemand kürzlich in der Diskussion: Er halte nichts von der Psychoanalüge *. Voilà.

Fazit: Nahrungsmittel werden nicht deshalb abgelehnt, weil sie nicht "schmecken" würden, sondern weil Aussehen, Geruch, Konstistenz unliebsame Erinnerungen und Gedankenverbindungen wecken. So ist das Leben.

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* Die meisten werden nicht kapieren, was dort steht, weil sie den "Fehler" überlesen haben. Man lese nochmal, Buchstabe für Buchstabe. So funktioniert der Kopf ...